Ein Major stürmt mit seinem Militärtrupp in der Nacht das Haus eines oppositionellen Ehepaares irgendwo in Südamerika. Sie rennen die Treppe empor um beide zu verhaften. Doch die Situation eskaliert und das Ehepaar stirbt im Bett, weil der Mann lediglich nach seiner Brille greift. Das allein ist schon schrecklich genug, doch dann hört der Major aus dem Erdgeschoss das Wimmern eines kleines Mädchens… Er beschließt das Mädchen mitzunehmen. Wünscht sich seine Frau nicht seit Jahren ein Kind? Er ist unfruchtbar und in der Kaserne muss er schon Spott über sich ergehen lassen, er würde den Krieg schon zu Hause verlieren. So überrascht er seine Frau noch in der Nacht mit dem spontanen Familienzuwachs. Doch so einfach ist es nicht. Liebe auf Befehl kann nicht funktionieren.
So beginnt der neue Roman Mitgenommen des niederländischen Autors Arnon Grünberg. Er gewährt einen Einblick in ein korruptes Regime. Grünberg beschreibt mit einer fröstelnden Kälte das Chaos eines zerfallenden Landes und den verzweifelten Versuch eines Soldaten Ordnung und Normalität zu bewahren. Dabei bleibt der Autor stets deskriptiv und vermeidet jede Moral. Schreibt hier ein Zyniker? Mitnichten, Grünberg legt in feinen Zügen das Seelenleben aller Beteiligten offen: des Majors, der für sein eigenes Leben nur die Kategorien und Maßstäbe eines Soldaten findet; seiner Frau, die sich mit Medikamenten ihre eigene Welt geschaffen hat, und auf Normalität wartet; und schließlich Lina, das kleine Mädchen, dass passiv ihr Schicksal erträgt und immer wieder mitgenommen wird.
Damit ist Mitgenommen ein fast psychoanalytischer Roman, in dem Grünberg einerseits seinen Figuren unglaublich nahe ist. Auf der anderen Seite wird jede Figur so distanziert betrachtet, dass es dem Buch nicht einmal schadet, als der Protagonist nach der Hälfte der 700 Seiten einfach verschwindet. Ganz im Gegenteil, die Figuren gewinnen an Tiefe, da mit der verstreichenden Zeit ihre Unfähigkeit zur Entwicklung deutlich wird. Die äußeren Umstände lassen kein Wachstum zu – niemand kann aus seiner Haut. Der Krieg geht weiter. Wie ein böser Begleiter nistet er sich im Leben ein und verschwindet nicht mehr, sondern muss gefüttert werden. Daher bleibt der deutsche Titel Mitgenommen leider sehr oberflächlich. Im Niederländischen heißt das Buch Onze Oom – Unser Onkel.
Arnon Grünberg nimmt sich in diesem Roman erneut seines Lieblingsthemas an: das innere Leiden. Bisher beschrieb er dieses Thema eher sanft, in Liebesbeziehungen westlicher Großstädte (z.B. im Roman Amour Fou, den er unter dem Synonym Marek van der Jagt publizierte). Indem er sein großes Thema nun in ein Bürgerkriegsgebiet verlegt, erreicht er eine bestechende analytische Ernsthaftigkeit, die nichts mehr mit einem Liebesroman zu tun hat.
Mitgenommen ist aus dem Niederländischen von Rainer Kersten übersetzt und im Oktober im Diogenes Verlag erschienen. 741 Seiten, €22,90.
